Stefan Löffler

Texte

Die Steigerung von Türkis

Zum Jahreswechsel treffen sich auf der Karibikinsel St. Barthélemy die Schönen und Reichen dieser Welt. Ein Besuch zeigt: die Insel hat mehr zu bieten als Champagner und Luxusyachten.

von Stefan Löffler

Die Motoren der kleinen Propellermaschine heulen laut auf. Nach wenigen Metern ist die BN2 „Islander“ mit acht Passagieren in der Luft. Abrupt wird sie von einer Windböe erfasst und in Schräglage versetzt. Ein Teil der Passagiere schreckt auf. Die Anderen freuen sich über das einschießende Adrenalin und beginnen zu lächeln. Dass unser Pilot Herr der Lage ist, beweist er uns mit einer Steilkurve, die einem die Eingeweide neu formiert. Er lächelt süffisant: „Wir haben heute viel Wind!“. Eine interessante Information. Steuern wir doch eine der schwierigsten und gefährlichsten Landebahnen der Welt an. Vor der Landung bietet sich aber allen Passagieren ein einmaliges Ereignis. Über den Jahreswechsel versammeln sich an unserem Reiseziel alle Reichen dieser Welt. Vor und im Hafen ankern unzählige Segel- und Motoryachten auf dem glitzernden Meer. Selbst aus der Luft sehen sie noch groß aus. Hubschrauber und andere Propellermaschinen kommen uns entgegengeflogen. Doch wo ist der Flughafen überhaupt? Unser Pilot hat bereits die Geschwindigkeit gedrosselt und die Höhe reduziert, vom Flughafen ist immer noch nichts zu sehen. Geradewegs fliegen wir auf einen Hügelkamm zu. Am höchsten Punkt stehen Schaulustige, die uns begrüßen und fotografieren wollen. Dann sehen auch wir die unglaublich kurze Landebahn, die im türkisen Meer zu enden scheint. In steilem Sinkflug steuern wir den Asphalt mit den vielen Bremsspuren an. Zum Glück macht uns der Wind keinen Strich durch die Rechnung und die Landung erfolgt problemlos. Der Pilot öffnet sein Fenster um die stickige Luft im Flugzeug durch frische, warme Karibikluft zu ersetzen und wendet seine Maschine direkt am Meer. Spätestens jetzt haben alle Passagiere ein Lächeln auf den Lippen, geneigt dazu, das Applaudieren in Flugzeugen wieder ein zu führen. „Bienvenue à Saint-Barthélemy, Welcome to St. Barths“, heißt uns unser Pilot Willkommen.

Saint-Barthélemy (französische Schreibweise) hat wahrscheinlich so viele Namen bzw. Schreibweisen wie Quadratkilometer. Zirka 21. Die Mini-Insel der kleinen französischen Antillen liegt südöstlich der französisch-niederländischen Insel St. Martin und wurde von Christoph Kolumbus 1843 entdeckt, der sie nach seinem Bruder Bartholomeo benannte. Kleine Kinder würden eine Pirateninsel genau so malen. Klein, hügelig, stark mit Palmen, Kakteen und sonstigem Gestrüpp bewachsen, weiße Sandstrände und von blauem Wasser umgeben. Im 17. Jahrhundert war sie tatsächlich einmal Anlaufstelle für Piraten.

Oft wird die Insel einfach nur Paradies genannt. Das hat sich offensichtlich herumgesprochen, denn in den letzten 30 Jahren hat sich die Einwohnerzahl auf über 8500 verdoppelt – obwohl es auf der Insel nicht einmal Trinkwasserreserven gibt. Landwirtschaftlicher Anbau ist so gut wie nicht möglich und außer ein bisschen Baumwolle, Salz, Ziegen und Meerestieren gibt es nicht viel, mit dem Einheimische Geld verdienen können. Mit den Superreichen die die Insel jetzt bevölkern, hat sich das geändert. Im Supermarkt kann man Champagnerflaschen für 10 000 Euro kaufen, in der Hauptstadt Gustavia stehen im Carré d´Or, dem Goldenen Viertel, die Schmuck und Kleidungsboutiquen von Bvlgarie über Cartier bis Dior und Luis Vuitton Tür an Tür. In 30 Luxus-Hotels mit nur 450 Zimmern, genau so vielen Miet-Villen und 70 Restaurants, dürfen die Reichen ihr Geld ausgeben. Die Preise sind trotz der Steuerfreiheit St. Barths so hoch wie sonst nirgendwo auf der Welt. In der Hauptsaison von Mitte Dezember bis Anfang Januar kann eine Villa schon mal 150 000 Euro die Woche kosten. In vielen Hotels gibt es die Preise über Weihnachten nur auf Anfrage. Mit 1000 Euro pro Nacht sollte für ein Zimmer gerechnet werden. Jobs wie Poolreiniger und Taxifahrer, hierzulande eher verpönt und nicht wirklich lukrativ, sind einträgliche Geschäfte, verdient ein Poolreiniger doch mehr als ein normaler Bankangestellter. „In einer Nacht habe ich mit betrunkenen Amerikanern und deren Trinkgeld 3000 Dollar verdient“, erzählt mir der Taxifahrer Raymond und verzieht sein von der Sonne gebräuntes und gegerbtes Gesicht zu einem schmunzeln. Spendabel sind die Großverdiener dieser Welt auch gegenüber der Regierung St. Barths. So machte dieses Jahr die Geschichte über eine gespendete Million Dollar eines Amerikaners im Hafen die Runde, der sich einfach wohl fühlt auf der Insel und sie unterstützen möchte. Roman Abramowitsch, russischer Oligarch und einer der reichsten Männer der Welt, spendete dem Fußballstadion einen neuen Rasen. Der Wettbewerb: „Wer hat die Längste?“, ging dieses Jahr an Abramowitschs Eclipse. Sie ist mit 163 Metern die längste Yacht der Welt. Aufsehen erregte außerdem seine Privatparty mit 250 geladenen Gästen auf der die Black Eyed Peas ein Konzert gaben. Viele Geschichten mehr über die Reichen und ihre Yachten gibt es über den Jahreswechsel tagtäglich in den gängigen Boulevardmedien zu lesen. Der New Yorker Koch Anthony Bourdain hat gerade ein Enthüllungsbuch über seine Zeit auf St. Barths geschrieben. Zur Faszination St. Barths gehören die Reichen und ihre Geschichten zweifelsohne. Aber auch die Abgeschiedenheit und einmalige Natur, gepaart mit dem karibischen Klima machen diese Insel einmalig.

Über holprige Straßen, die aus rechteckigen Asphaltstücken zusammengesetzt werden müssen, weil der Teer sonst die steilen Straßen herunter laufen würde, erreicht man fast alle Strände. Nicht aber Grand Colombier. Wie in einem grünen Tunnel läuft man den schmalen, abschüssigen Pfad durch die Bewaldung Richtung Bucht. Rund 20 Minuten braucht man für den anspruchsvollen Weg, auf dem man von Schmetterlingen umkreist und von Echsen umzüngelt wird. Dann öffnet sich der grüne Vorhang. Ein weißer Sandstrand und das kühlende Nass, auf das man beim Abstieg gewartet hat, lachen einem entgegen. Ein paar wenige Segelyachten dümpeln in der Bucht und offensichtlich haben auch noch andere Fußgänger den Weg hierher gefunden – dem Gefühl der einsamen Freiheit tut das keinen Abbruch. Schnorchlern begegnet unter Wasser der Clownsfisch Nemo, Seeigel, Schildkröten und mit viel Glück auch mal eine Languste, die zum begehrtesten Tier der Restaurantbesitzer gehört. Pechschwarze Vögel mit weißem Schnabel stürzen sich wie verrückt, sinnigerweise heißen sie Fou, ins Meer und stibitzen diesem kleine Fische. Keine drei Meter von den Badegästen entfernt. Hier kann man die Abgeschiedenheit und Naturbelassenheit St. Barths voll genießen.

Nur an einem Punkt der Insel ist ein solches Erlebnis noch zu toppen. Von Touristen unentdeckt und von Booten nicht zu erreichen. Die Piscine Naturelles. Natürliche Schwimmbäder. Steinbecken in der Felsküste, die vom Meer immer wieder geflutet werden. Auf der beschwerlichen Wanderung über dunkles, vulkanisches Gestein hat man keinen Schutz vor der Sonne. Von wild lebenden Ziegen begleitet, begegnet man hier und da einem Leguan. Da ist es. Das schönste Schwimmbad der Welt. Bis auf ein paar kleine Fischchen, Krebse und Seeigel völlig verlassen. Das Wasser so warm wie die Außentemperatur. Würde es eine Steigerung von Türkis geben, so hätte das Wasser diese Farbe. Das ist Karibik. Hier lebt der wahre Geist Saint Barthélemys.

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